Ehrenamtliche berichten

Offener Umgang mit Freude und Trauer –
über die Geburt spricht man, über den Tod nicht!

Mein Vater kommt aus Reitersberg. Das ist ein kleines Dorf mitten in der Buckligen Welt. Wenn man mich nach meiner Herkunft fragt, dann sage ich schon seit meiner Kindheit, dass ich aus diesem Dorf komme, obwohl ich mit meinen Eltern viele Jahre in Wien lebte. Für dieses, ich möchte fast sagen, Phänomen habe ich keine wirkliche Erklärung. Vielleicht liegt es daran, dass ich in diesem Dorf so viel lernen durfte.
Eine meiner größten Lehrerinnen war meine Großmutter. Für meine Oma gehörte der Tod immer zum Leben. Wenn jemand aus ihrem Umfeld starb, dann zeigt sie Trauer offen. In meiner Kindheit war es noch üblich, dass Verstorbene in ihrem Haus, meist im eigenen Bett gewaschen, angekleidet und aufgebahrt wurden. Das war nicht die Pflicht der Frauen des Dorfes, es war ihnen allen eine Ehre diesem Menschen noch einen letzten Dienst zu erweisen. Ihm noch ein letztes Mal zu helfen. Am Abend gingen dann alle Dorfbewohner in die Kapelle um einen Rosenkranz für den Verstorbenen zu beten. Für die Menschen dieser Gegend ist es auch heute noch selbstverständlich zum Begräbnis zu gehen.
Wenn jemand in Reitersberg im Sterben lag, wurde ganz offen vor uns Kindern darüber geredet. Heute beobachte ich manchmal, dass Kinder von diesen Themen ausgeschlossen werden. Kinder sind klein, aber nicht dumm! Kinder bekommen immer mit, wenn sich in ihrer Umgebung etwas verändert und bekommen auch mit, dass die Erwachsenen über etwas sprechen, wofür sie noch zu klein sind. Diesen Mangel an Information füllen Kinder dann mit ihrer Phantasie.
Wenn ich an die Art und Weise wie man in Reitersberg mit Sterben und Tod in meiner Kindheit umgegangen ist zurückdenke, war es für mich als Kind immer leichter. Ich wusste, dann warum Oma weint und ich war froh, dass sie nicht meinetwegen weint. Mir war auch sofort klar, warum alle geweint haben, wenn sie sich getroffen haben, ich musste nicht mehr fragen. Manchmal habe ich auch mitgeweint und das war gut.
Meiner Frau und mir ist es ganz wichtig, dass wir offen mit unseren Kindern über den Tod und das Sterben sprechen. Mein Sohn hat einmal gesagt, dass er nicht verstehe, wenn Eltern mit ihren Kindern nicht über den Tod sprechen, denn es sterben genauso viele Menschen, wie geboren werden. Über die Geburt spricht man, über den Tod nicht. Das könne er nicht verstehen.

Wolfgang Scherleitner


Ich bin schon seit einigen Jahren ehrenamtlich bei der Hospizbewegung Baden tätig. Ich habe in dieser Zeit Menschen kennengelernt, die sehr unterschiedlich auf Krankheit und Leid reagieren. Die einen hoffen, dass alles wieder so wird wie früher, andere ignorieren ihre Krankheit, soweit es ihnen möglich ist, wieder andere nehmen ihr Schicksal an.
Ein Mann hat mich mit seiner Lebensgeschichte und der Art und Weise, wie er diese erzählt hat, besonders berührt. Ich habe ihn nur einmal im Krankenhaus getroffen. Er hat über sein vergangenes Leben erzählt: wie gern er gearbeitet hat, über seine Familie, die er sehr liebt, seinen Enkelsohn und nur ganz kurz über seine Krankheit. Dann hat er darüber gesprochen, wie er sich seine Zukunft vorstellt: er wollte keine Therapie mehr, er wollte, so lange er es seiner Familie zumuten konnte, nach Hause gehen und die Zeit mit seiner Familie genießen. Er hat schon alles mit ihnen abgesprochen. Sein Plan war es, im Krankenhaus oder im stationären Hospiz zu sterben.
Er hat mir dies alles, obwohl er Schmerzen hatte, mit Gelassenheit und Ruhe, ohne Gram erzählt. Da ist mir ein Gedicht in den Sinn gekommen, welches ich vor ungefähr 30 Jahren auswendig gelernt habe, da es mich schon damals und auch heute in meinem Innersten berührt.

„Die alte Waschfrau“

Du siehst geschäftig bei dem Linnen die Alte dort im weißen Haar.
Die rüstigste der Wäscherinnen im sechsundsiebenzigsten Jahr.
So hat sie stets mit sauerm Schweiß ihr Brot in Ehr ́und Zucht gegessen,
und ausgefüllt mit treuem Fleiß den Kreis, den Gott ihr zugemessen.
Sie hat in ihren jungen Tagen geliebt, gehofft und sich vermählt;
Sie hat des Weibes Loos getragen, die Sorgen haben nicht gefehlt;
Sie hat den kranken Mann gepflegt; sie hat drei Kinder ihm geboren;
Sie hat ihn in das Grab gelegt, und Glaub und Hoffnung nicht verloren.
Da galt´s die Kinder zu ernähren; Sie zog sie auf in Zucht und Ehren,
der Fleiß, die Ordnung sind ihr Gut.
Zu suchen ihren Unterhalt entließ sie segnend ihre Lieben,
so stand sie nun allein und alt, ihr war ihr heit ́rer Muth geblieben.
Sie hat gespart und hat gesonnen und Flachs gekauft und Nachts gewacht,
den Flachs zu feinem Garn gesponnen, das Garn dem Weber hingebracht;
der hat´s gewebt zu Leinewand; die Schere brauchte sie, die Nadel,
und nähte sich mit eig´ner Hand ihr Sterbehemde sonder Tadel.
Ihr Hemd, ihr Sterbehemd, sie schätzt es, verwahrt ́s im Schrein am Ehrenplatz,
es ist ihr Erstes und ihr Letztes, ihr Kleinod ihr ersparter Schatz.
Sie legt es an, des Herren Wort am Sonntag früh sich einzuprägen,
dann legt sie ́s wohlgefällig fort, bis sie darin zur Ruh ́ sie legen.
Und ich, an meinem Abend, wollte, ich hätte, diesem Weibe gleich,
erfüllt, was ich erfüllen sollte in meinem Grenzen und Bereich;
Ich wollt ́, ich hätte so gewußt am Kelch des Lebens mich zu laben,
und könnt ́ am Ende gleiche Lust an meinem Sterbehemde haben.
(Adalbert von Chamisso)

Martha Enzinger


 

Seit zirka 20 Jahren begleite ich Menschen auf ihrem letzten Weg. Ich freue mich seit Beginn der Hospizarbeit, die damals in Österreich entstanden ist, dabei zu sein. In meinem engsten Familienkreis hatte ich einige Jahre intensiv mit Sterben, Tod und Trauer zu tun. Zuerst starb unser dritter Sohn als Baby. Bald darauf betreute ich meinen Neffen drei Jahre als er an Leukämie erkrankte und starb. Kurze Zeit später erkrankte mein Bruder – ein Jahr lang dauerte unser gemeinsamer letzter Weg. Diese Jahre haben mich vieles gelehrt, ich verlor die Angst vor dem Tod und lernte mich in die Wünsche und Ängste sterbender Menschen und ihrer Angehörigen einzufühlen. Es ist mir ein Herzensanliegen diese Erfahrungen und Fähigkeiten in meiner Freizeit Menschen in ähnlichen Situationen zur Verfügung zu stellen und zu helfen.
Damals wurde die Hospizbewegung Baden gegründet, die ehrenamtliche MitarbeiterInnen gesucht hat. Ich bewarb mich und begann mit der notwendigen Ausbildung für Sterbe-und Trauerbegleitung. In meiner nun schon langen Tätigkeit war ich auch ehrenamtliche Koordinatorin im Jakobusheim in Bad Vöslau.Dort habe ich eine Gruppe von 12 HospizbegleiterInnen geleitet. Dabei erlebte ich eine sehr intensive Zeit.

Die Hospizbegleitung ist für mich sehr wertvoll, weil ich von den alten und kranken Menschen sehr viel Wertschätzung und Zuwendung zurück bekomme.

Viel Freude macht mir in den letzten Jahren das Projekt „Hospiz macht Schule“, wo wir mit Kindern zu den Themen Abschied, Trauer und Trost arbeiten. Es berührt mich immer wieder wie offenherzig und ehrlich Kinder und Jugendliche darüber sprechen.
Um in diesem Bereich noch professioneller zu arbeiten, beginne ich demnächst mit der Kinderhospiz-Ausbildung und werde Familien als Teil des Kinderhopizteams Niederösterreich begleiten.

Christine Gasser


 

Ich bin ein Bockerlhirsch. Für alle, die nicht wissen was das ist: Ich bin Absolvent der Höheren Lehranstalt für Forstwirtschaft in Gainfarn. Nach der Forstschule habe ich die Boku – Universität für Bodenkultur – abgeschlossen. Nur aus dem Förster mit Gewehr und Jagdhund ist nix geworden.
Ich wurde direkt von der Uni in die Medizintechnik abgeworben. Dort bin ich nun, mit einer Babypause von 15 Monaten, seit ungefähr zwölf Jahren tätig.In meiner Freizeit unterrichte ich seit meinem 15. Lebensjahr zunächst als Co-Trainer im Judoclub ATUS Bad Vöslau und dann später war ich Lateintrainer des Tanzsportklubs Alt Erlaa. Selbst habe ich auch Turniere bis in die S-Klasse, das ist die höchste Klasse, getanzt. Beim Turniertanzen hat sich meine Frau auch mich eingehandelt. Wir haben uns dort kennen gelernt. Nach einer Probezeit von 10 Jahren – „drum prüfe wer sich ewig bindet“ – haben wir geheiratet. 19 Monate nach meinem Sohn wurde meine Tochter geboren. Nun haben wir zwei wundervolle Kinder, die uns viel lehren.Unter anderem lehren sie uns was Lebensfreude bedeutet. Wir sind auf ein kurzes Gastspiel hier auf der Welt und hin und wieder wird uns die Lebensfreude abmontiert.
Als ich das nicht mehr hinnehmen wollte, entschloss ich mich eine Coachingausbildung zu machen. Im Zuge dieser Ausbildung sprach der Vortragende von Trauer- und Sterbebegleitung. Kennen Sie das, wenn es Sie wie ein Blitz durchfährt? Bei mir war das so. Kurz nach diesem Kurs war Ostern und am Reitersberg treffen sich immer Teile meiner Familie zum Osterfeuerbrennen. Hast eine große Familie, hast auch für jedes Problemchen eine Hilfe. Eine meiner Tanten war Pfarrerköchin und ich fragte sie ob es so was wie Sterbebegleitung in den Pfarren gibt. „In da Pfoa net….“ ABER es gibt das Hospizteam und eine ihrer Freundinnen ist ehrenamtlich dort tätig. Kurze Zeit später rief ich sie an und wir telefonierten über eine Stunde und mir wurden viele Fragen beantwortet. Noch am selben Tag meldete ich mich bei der Hospizbewegung Baden und ich traf mich mit der Koordinatorin. Wie es sich für einen richtigen Außendienstler gehört kam ich mit Anzug und Krawatte. Es schlug mir aber nicht Business entgegen, sondern Freude und Liebe. Nun wusste ich, dass ich da richtig bin.
Vor kurzem habe ich den Grundkurs bei der Österreichischen Buddhistischen Religionsgemeinschaft abgeschlossen. Die Kombination aus Volks- und Hauptschule in einer katholischen Privatschule und der Kurs bei „den Buddhisten“ hat mich richtig weitergebracht. Während des Kurses hatten wir Vorträge von Juden, Moslems, Katholiken und natürlich auch Buddhisten. Wir hatten auch eine Agnostikerin in unseren Reihen. Endlich konnte ich auch einen Einblick in neue Richtungen erhaschen. Mein Praktikum mache ich derzeit im Pflegeheim der Stadt Baden.

Ich liebe es, wenn ich die Freude in meinem Gegenüber sehe, wenn ich wieder im Kartenspielen verliere.

Wolfgang Scherleitner


 

Als „echte“ Badenerin freue ich mich als Koordinatorin in der Hospizbewegung tätig zu sein. Seit zwei Jahren begleite ich ehrenamtlich Menschen im Pflegeheim in der Wimmergasse. Seit Jahresbeginn leiste ich hauptamtlich meinen Beitrag in dem für die Gesellschaft so wertvollen Bereich. Kommunikation ist sehr wichtig für mich! Nun sind es das Mobile Hospizteam mit seinen ehrenamtlichen MitarbeiterInnen, die KollegInnen des Mobilen Palliativteams und vor allem die PatientenInnen mit denen ich gerne im Kontakt bin. Nach dem Grundkurs für Hospiz und Palliativ Care besuche ich derzeit den Basislehrgang und beschäftige mich im Rahmen der Projektarbeit mit den Strukturen in der Thermenregion. Das unterstützt mich in der psychosozialen Betreuung schwerkranker Menschen. Viel Erfahrung konnte ich bei meinen Praktika sammeln, wie im Pflegeheim Gloggnitz oder zukünftig
beim Palliativen Konsiliardienst im Krankenhaus Baden.

Eine Hauptaufgabe der Koordinatorin ist neben dem Erstkontakt mit PatientInnen oder Angehörigen die Begleitung der ehrenamtlichen MitarbeiterInnen. Das ist eine besonders schöne Aufgabe, da es sich als sehr vielfältig gestaltet die rund 40 ehrenamtlichen KollegInnen mit ihren unterschiedlichen Stärken und  Fähigkeiten in ihren Aufgaben zu unterstützen – ob Begleitung von Patienten Zuhause, in den Pflegeheimen oder im Krankenhaus, die Trauergruppe, Hospiz macht Schule oder der Flohmarkt – die Herausforderungen sind sehr individuell!

Gestärkt durch meine berufsbegleitende Ausbildung zur Psychotherapeutin nehme ich sie sehr gerne an.

Sigrid Kügerl, Koordinatorin des Mobilen Hospizteams – Drehscheibe im Team


 

Ich bin 2002 zur Hospizbewegung Baden gekommen, angeregt durch einen faszinierenden Vortrag von Peter Fässler-Weibel und geprägt durch das Miterleben des Zuhause-Sterbens meiner Großmutter.
Durch diese Erfahrung gestärkt, versuche ich mich in die Situation der zu Betreuenden und ihrer Angehörigen einzufühlen und ihnen nach Bedarf zur Seite zu stehen.
Eine Herzensangelegenheit meiner ehrenamtlichen Arbeit ist inzwischen die Projektarbeit mit Kindern in den Schulen zum Thema Hospiz geworden.
Ich bin immer wieder aufs Neue erstaunt und berührt, wie viele Gedanken sich Kinder zu diesem Thema machen, wie viel sie selber schon erlebt haben und wie selten sie meist die Möglichkeit haben, mit jemand Vertrautem über Sterben, Tod und Trauer zu sprechen.

Martina Meissner


 

Nach einem schweren, persönlichen Schicksalsschlag wurde mir von der Hospizbewegung Baden sehr geholfen. Daher war es mir auch ein Bedürfnis der Öffentlichkeit einen Teil meiner Freizeit für freiwillige, soziale Arbeit zu widmen.

Ich bin seit März 2006 ehrenamtliche Mitarbeiterin in der Hospizbewegung.

Elisabeth Gartnar